Cyanotypie

Im Jahr 1842 entwickelte der englische Naturforscher Sir John W. Herschel das fotografische Verfahren der Cyanotypie. Das Verfahren geht auf die deutschen Forscher Johann Jacob von Diesbach und Johann Conrad Dippel zurück, die das Farbpigment Berliner Blau entdeckten. Herschel war aufgefallen, dass gewisse Eisensalze photosensitiv reagieren und danach wasserunlöslich sind. Basis Chemikalien sind

  • KaliumHexaCyanoFerrat(III) und AmoniumFerri(III)Citrat

Wird ein Trägermaterial mit dem Farbpigment beschichtet, kommt es unter dem Einfluss von UV-Licht zu einer Reaktion, in deren Verlauf ein Eisen (III)- Ion ein Citrat Anion oxidiert. Eisen (III) wird zu Eisen (II) reduziert und wird dadurch wasserunlöslich. Wer mehr über die Hintergründe wissen will, kann hier einen ausführlichen Artikel finden: https://hohenauer.info/cyanotypie/

Anlässlich des 175. Jubiläums der Erstellung des Ruppertsberger Teehauses suchte ich im Jahr 2019 nach zeitgenössischen Quellen, um besser verstehen zu können, was den Bau inspiriert hatte. In dieser Zeit las ich auch einen Artikel in einer Fotofachzeitschrift, der sich mit Cyanotypie als alternative Methode fotografischer Bilderzeugung beschäftigte. Ich sah, dass das Verfahren etwa zur gleichen Zeit entdeckt wurde, in der auch mit dem Bau des Teehauses begonnen worden war. Ich stellte mir die Frage, wie wohl eine frühe Fotografie des Teehauses mit den Mitteln der Cyanotypie ausgesehen hätte und fing an, mich näher damit zu beschäftigen. Einige Wochen später, nach vielen Fehlversuchen und ziemlich vielen blauen Flecken im ganzen Haus, gelangen mir die ersten Belichtungen auf handgeschöpftem Papier.

Sie finden eine Galerie mit einigen meiner Cyanotypien in meiner Galerie.

Wem es um die exakte Abbildung einer Fotografie geht, der ist bei der Cyanotypie falsch. Gegenüber einem aktuellen Digitaldruck oder einer Ausbelichtung auf Fotopapier ist die Cyanotypie hoffnungslos unterlegen. In einem modernen Druckverfahren können zwischen 10 und 12 Blendenstufen abgebildet werden. Im besten Fall liegen zwischen einem tiefen Schwarz und dem reinen Weiß 256 Zwischentöne. Die Cyanotypie schafft je nach Reinheit und Gleichmäßigkeit der Beschichtung zwischen 4 und  6 Blendenstufen oder zwischen 64 und 84 Grauwerte. Damit gehen Zwischentöne verloren, die auf einem differenzierten  digitalen Fotoausdruck deutlich zu sehen sind.

Aus diesem verfahrensbedingten Mangel an Zwischentönen entstehen aber auch kreative Möglichkeiten der Bilddarstellung. Ein für mich wesentlicher Bestandteil der Bildgestaltung ist das Papier, auf dem das Abbild zu sehen sein wird. Aus technischer Sicht eignen sich Aquarellpapiere sehr gut für das Verfahren, weil dieses Papier sich unter Wassereinfluss wenig verzieht und mit einer Sperrschicht versehen ist. Es gibt eine Vielfalt von Aquarellpapieren mit den unterschiedlichsten Oberflächentexturen. Ich bevorzuge raue Papiere mit deutlich Texturen in der Oberfläche, die auch mit einiger Entfernung wahrnehmbar sind. Die Rauheit der Oberfläche ist ein bewusst eingesetztes Mittel der Bildgestaltung. Die Rauheit oder Rohheit des Verfahrens wird mit dem Trägermaterial sichtbar und haptisch erfahrbar. Bei geeigneten Motiven erzielt man eine Bildwirkung, die mit keinem anderen Verfahren zu erreichen ist.

Die Cyanotypie ist ein analoges Verfahren, das sich der Planbarkeit des Ergebnisses widersetzt. Es fängt mit der Mischung der lichtempfindlichen Chemie an. Kleine Abweichungen in den Mengenverhältnissen der beiden Grundchemikalien, Reinheit des destillierten Wassers, Gleichmäßigkeit der Beschichtung des Trägerpapiers, Dichtheit der Sperrschicht im Papier, die verhindern soll, dass die Chemie „durchsuppt“, verändern das Endergebnis teils unvorhersehbar. Die Verformung des Papiers während der ersten Trocknung, Produktion des Negativs und nicht zu vergessen: die Belichtung durch die Sonne sind ebenfalls Faktoren, die immer für Überraschungen gut sind.

Als früher analoger Fotograf habe ich natürlich meine eigenen Fotos selbst im Labor in schwarz-weiß und in Farbe ausbelichtet und vergrößert. Eine Probebelichtung eines Graukeils gehört zum Standardverfahren. Graukeile enthalten Felder mit unterschiedlichem Schwärzungsgrad. Belichtet man einen Graukeil mit unterschiedlichen Zeiten der Lichtexposition so kann man erkennen, mit welcher Belichtungszeit eine optimale Darstellung möglichst vieler Grauwerte möglich ist. Im Labor ist das wunderbar eindeutig. Beim Belichten durch die Sonne aber ist darauf kein Verlass. Eben noch strahlte die Sonne am wolkenlosen Himmel, während der Belichtung aber zieht eine dicke Wolke vor die Sonne und verdunkelt das Bild. Jetzt wird’s spannend. Wie lange war die Wolke vor der Sonne? Wie stark wurde das Licht reduziert? Wie viele Sekunden muss nachbelichtet werden? 

Erst wenn die nicht belichtete Chemie mit viel Wasser in der Badewanne ausgewaschen ist und eine Fixierung mit Wasserstoffperoxid stattgefunden hat, sieht man das Ergebnis. Dann beschließt man bei ca. 30% aller Belichtungen, das Motiv noch einmal zu belichten, in der Hoffnung, dass das Ergebnis dann besser den eigenen Vorstellungen entspricht.

Die technische Herstellung ist eigentlich einfach. Man sucht ein geeignetes Foto, wandelt es in ein Graustufenbild um, verstärkt eventuell Kontraste und invertiert die Farben, so dass ein Negativ entsteht. Dieses Negativ druckt man auf eine Overheadfolie mit einem herkömmlichen Tintenstrahldrucker. Der Negativdruck trocknet über Nacht aus. Am nächsten Tag legt man das beschichtete Papier in einem abgedunkelten Raum auf eine Sperrholzplatte, platziert das Negativ auf das Papier und legt darauf eine Glasplatte. Eine Dunkelkammerleuchte mit rotem Filter ist dabei sehr hilfreich. Dieses Sandwich fixiert man mit starken Klemmzangen, so dass das Papier durch die Glasplatte etwas gepresst wird. Nun das Ganze lichtundurchlässig abdecken und anschließend zwischen 3 und 6 Minuten der Sonne aussetzen.

Wenn sich nun keine Wolke vor die Sonne geschoben hat, nach der ermittelten Belichtungszeit das Foto wieder abdecken und das Sandwich im abgedunkelten Badezimmer auflösen. Das Papier in die Badewanne legen und kalt ca. 3-4 Minuten abbrausen. Dabei wird das nicht belichtete Chemiegemisch ausgewaschen und das Bild wird sichtbar. Die Chemie ist nicht gesundheitsschädlich und kann bedenkenlos in die Kanalisation eingespült werden. Trinken würde ich es trotzdem nicht. Überschüssiges Wasser vom Papier ablaufen lassen und anschließend mit einem breiten weichen Pinsel 3%-iges  Wasserstoffperoxid auftragen Nun verstärken sich die Kontraste. Das Blau wird dunkler und (leider) gehen zarte Blautöne unter Umständen verloren. Mit dem Peroxid wird aber auch die chemische Umsetzung beendet. Das Foto ist fixiert. Ich lege anschließend das Foto in die Sonne zum Trocknen. Das verstärkt nochmals das Blau um eine Nuance und reinigt die weißen Stellen. Das war’s dann schon.

Wer noch Fragen zu Details hat oder Lust bekommt, selbst zu experimentieren, kann sich gerne mittels Kontaktformular an mich wenden oder mich einfach ansprechen wenn wir uns treffen.